Die Situation von chronisch und/oder schwer erkrankten Lernenden war und ist schon immer schwierig. Aber auch die Bildungssysteme stehen vor besonderen Herausforderungen, was die Unterrichtung dieser Kinder und Jugendlichen betrifft.
Eine Unterstützung durch Einrichtungen der „Pädagogik bei Krankheit“, wie z.B. die „Schulen für Kranke“ in einigen Bundesländern oder auch „Bildungs- und Beratungszentren Pädagogik bei Krankheit“, wie sie in anderen Bundesländern genannt werden, unterrichten erkrankte Schülerinnen und Schüler zeitweise. Der Unterricht dieser Institutionen ist zeitlich begrenzt und findet räumlich in außerschulische Bereichen wie Krankenhäusern, kleinen Lerngruppen oder dem häuslichen Umfeld der Kinder und Jugendlichen statt. Von daher mussten von Lehrkräften, die in diesem Bereich tätig waren und sind, schon immer sehr flexible und phantasievolle Lösungswege beschritten werden.
Begrenzt wurden technische Möglichkeiten wie z.B. Konferenzschaltungen in den Unterricht, leider in vielen Bundesländern nachdem die europäischen Datenschutz Verordnung in Kraft getreten war.
Lösungen wie der Einsatz von Avataren, die Unterricht live zu den Schülerinnen und Schülern nachhause oder in die Klinik streamen, konnten meist nur punktuell in Zusammenarbeit mit Schulleitungen und Lehrkräften vor Ort umgesetzt werden. Zudem musste um Spendengelder für die technische Ausstattung geworben werden, da die Schulen dafür keine Ressourcen hatten.
Schülerinnen und Schüler, die während ihrer Schulzeit schwer erkranken, oder an chronischen Erkrankungen leiden, haben so – neben den gesundheitlichen Problemen – mit einer Reihe von „Behinderungen“ zu kämpfen, die durch die in den Schulen üblichen „Realitäten“ verursacht werden.
Das beginnt bei den fachlichen Lücken, die durch die erkrankungsbedingten Fehlzeiten entstehen und wegen der unzuverlässigen und/oder unvollständigen Vermittlung der im Unterricht behandelten Themen schlecht nachgearbeitet werden können, geht weiter bei den Herausforderungen der Logistik, z.B. den nicht zuverlässig weitergeleiteten Materialien, Arbeitsblättern etc.
Fehlende unmittelbare Unterstützung, Anleitungen und Erklärungen durch die Lehrkräfte der Stammschulen charakterisieren den Alltag der meisten Lernenden abseits der Schule.
Erschwerend kommt dann noch dazu, dass Lehrkräfte sich oft nicht in der Lage sehen, die erkrankten Lernenden zu benoten.
Diese Probleme werden von den Beteiligten (Lehrkräften, Eltern, Lernenden) sehr häufig genannt:
- Instabile Materialversorgung: die Übermittlung von Lehr- und Lernmaterialien funktioniert nicht zuverlässig.
- Erschwerte Notengebung: Benotung trotz hoher Fehlzeiten ?
Leistungserbringung:
- Arbeiten mit- bzw. nachschreiben: erkrankte Lernende müssen wissen, was in der Arbeit dran kommt und sie müssen über mögliche Nachschreibetermine rechtzeitig informiert werden, damit sie sich vorbereiten können. Sie sollten aber ebenso die Möglichkeit erhalten, bei Fragen und Verständnisproblemen mit den Lehrkräften darüber sprechen zu können.
- Hausaufgaben: können bei Erkrankungen nicht immer zuverlässig erledigt werden, dies sollte nicht zur schlechteren Benotung führen.
- Ersatzleistungen: erkrankte Lernende müssen die Möglichkeit erhalten rechtzeitig vor den Notenkonferenzen Ersatzleistungen für fehlende Klausuren und/oder mündliche Noten anfertigen zu können.
- Zusätzlich empfehlenswert:
- bei Bedarf Verlängerung der Bearbeitungszeit bei Klausuren (damit Erholungspausen möglich sind, oder erkrankungsbedingte Einschränkungen kompensiert werden können)
oder alternativ
- Verringerung des Umfangs von Klausuren (bei Lernenden mit erkrankungsbedingten Konditions- oder Konzentrationsverminderung) – bei gleicher inhaltlicher Anforderung.
- Halbierung der Fächer/Anwesenheit bei gleichzeitiger Verdoppelung der Abschlussjahre (z.B. 2 x 4 Semester in der Gymnasialen Oberstufe incl. aller benötigten Abiturprüfungen)
Sollten spezielle Nachteilsausgleiche für erkrankte Schülerinnen und Schüler vereinbart werden, kam es häufig zu organisatorischen und/oder Verständnisproblemen. Lehrkräfte fanden es z.B. nicht immer leicht zu verstehen, dass chronisch erkrankte Kinder und Jugendliche sich nicht darum kümmern können, die Lehrkräfte anzusprechen, um Informationen, Materialien oder Nachschreibetermine incl. Inhalte der Klausuren zu erfahren. Erkrankte Schülerinnen und Schüler sind in der Regel froh, wenn sie den anstrengenden Schulalltag einigermaßen gut überstehen und können sich nicht in den Pausen – die sie dringend zur Erholung benötigen – vor dem Lehrerzimmer in die Menge stellen, um die benötigten Infos zu Nachschreibetermine incl. der geforderten Inhalte zu bekommen. Hier sollte es Aufgabe der Lehrkräfte sein, dass sie die Organisation der Übermittlung und die nötigen Absprachen initiieren sollten.
In unserer modularen Fortbildung hörten wir von Lehrkräften aus Klinikschulen aus den verschiedenen Bundesländern und dem deutschsprachigen Ausland, dass es häufig schwierig sei, Lehrkräften der Stammschulen zu vermitteln, dass erkrankte Kinder und Jugendliche diese besonderen „Serviceleistungen“ der Lehrkräfte benötigen um weiter erfolgreich in ihrer Klasse bleiben zu können.
Wir hörten immer wieder, dass die Schulen / Schulleitungen / Lehrkräfte alle diese Punkte zwar nachvollziehen können, dass es aber in der schulischen Realität schwierig sei diese Punkte auch umzusetzen.
Lehrkräfte der Stammschulen würden sich oft nicht in der Lage sehen alle Materialien digital an erkrankte Schülerinnen und Schüler schicken. Zudem empfänden sie es als eine zusätzliche Belastung, immer daran denken zu müssen, wer von ihren Schülerinnen und Schülern krankheitsbedingt nicht alle Leistungen erbringen konnte und deshalb ggf. noch Noten durch Ersatzleistungen erreichen sollte ….
Gemeinsame Lernplattformen für Klassen gab es nur vereinzelt – wo es sie gab, war der Zugang zum Lernstoff für alle Mitglieder der Klassen aber sehr einfach und recht problemlos – vorausgesetzt sie hatten Zugang zu einem PC incl. Drucker, um die Materialien auszudrucken und bearbeiten zu können.
All das war vor Corona schwierig ….
Dann kam Corona!
Im Schnelldurchgang mussten alle Lehrkräfte lernen, wie und in welcher Form sie ihren Schülerinnen und Schülern die Inhalte, die normalerweise gemeinsam im Klassenverband gelernt worden wären, vermitteln können.
Es wurden Videos hergestellt, Unterrichtsinhalte gestreamt, Lerngruppen zu Videokonferenzen eingeladen, Telefonate mit einzelnen Schülern bei Fragen und benötigter Hilfestellung organisiert und noch vieles mehr.
Schülerinnen und Schüler die keinen Zugang zu digitalen Angeboten hatten, bekamen ihr Lern- und Übungsmaterial bei Bedarf in Papierform zugesandt.
Familien ohne technische Ausstattung konnten teilweise schon vor den Sommerferien 2020 Laptops und Tablets für ihre Kinder von den Schulen ausgeliehen bekommen.
Es war wirklich beeindruckend zu erleben, wie alles, was wir uns aus Sicht von „Pädagogik bei Krankheit“ schon lange gewünscht hätten, plötzlich Realität wurde.
Wir alle aus dem Bereich „Pädagogik bei Krankheit“ mussten schon immer individuelle Lösungen für unsere Schülerinnen und Schüler finden. Sei es, dass wir flexible Lösungen für Lernorte finden, Unterrichtsinhalte angepasst an die aktuelle gesundheitliche Verfassung erstellen und angepasste Methoden bis hin zum Unterrichten am Bett realisieren mussten. Ebenso war es für alle Kolleginnen und Kollegen in diesem Arbeitsfeld üblich mit den Schülerinnen und Schülern per Mail und Telefon zu kommunizieren, wenn diese Fragen hatten oder Hilfestellung benötigten.
Fast alle diese „Methoden“ sind inzwischen in allen Kollegien angekommen. In Hamburg wird auch jetzt, wo inzwischen wieder alle Schüler und Schülerinnen im Regelunterricht in der Schule sind, weiter flexibel und unter Einbeziehung aller technischen Möglichkeiten unterrichtet. Es gibt ständig Kinder und Jugendliche, die tageweise in Quarantäne sind, weil sie auf Covid-19 getestet wurden und das Ergebnis abwarten müssen. Zeitweise sind auch ganze Klassen wegen nötigen Quarantänemaßnahmen nicht in der Schule. Das wird wohl auch noch so bleiben müssen, bis ein zuverlässiger Impfschutz möglich sein wird.
Lehrkräfte müssen also weiterhin mit hoher Flexibilität unter Nutzung aller technischen Möglichkeiten ihren Unterricht flexibel auf die jeweilige Situation einstellen.
In Interviews mit Experten der unterschiedlichsten Fachrichtungen wurde u.a. auch eine Form von „Hybrid-Unterricht“ favorisiert, der eine gute Mischung aus Präsenzunterricht und digitalen Angeboten beinhalten soll. Dabei könnten sich auch neue Lern- und Arbeitsformen etablieren, durch die sich die Schülerinnen und Schüler z.B. intensiver, weil unabhängig von den üblichen 45 oder 90 Minuten-Taktung des Schulalltags, mit Themen auseinandersetzten könnten.
All diese Möglichkeiten werden auch erkrankten Lernenden deutlich mehr Möglichkeiten eröffnen am Schulalltag zu partizipieren, als das vor Corona der Fall war.
Ein weiterer Punkt ist die neu entstandene Erkenntnis, dass einige Erkrankungen nicht einfach vorbei sind und alles ist wie zuvor, sondern dass es Spätfolgen geben kann, die unter dem Begriff „Long Covid“ gerade diskutiert werden. Diese Form von Spätfolgen einer Erkrankung ist uns schon sehr lange bei vielen Menschen bekannt, die z.B. onkologische Erkrankungen überlebt haben, außerdem sind sie ein unangenehmer Teil von vielen chronischen Erkrankungen, die unter dem Begriff „Fatique“ schon lange beschrieben werden im Alltag von den meisten nicht betroffenen Menschen aber nicht ernst genommen wurde.
Vor allem bei jungen Menschen bestand immer die Vorstellung, dass diese Dauermüdigkeit nicht real sein könne, dass sie sich „nicht so anstellen“ sollten, dass sie einfach länger schlafen sollten, dass die Eltern ihre Erziehungsmethoden doch überdenken sollten, damit ihre Kinder mehr Ruhe und Erholung bekommen würden. Alternativ wurde Eltern unterstellt, dass sie ihre Kinder nur nicht loslassen könnten und „diese sogenannte Erschöpfung“ auf das Elternproblem zurück zu führen sei ….
All diese Missverständnisse könnten sich im Zuge des zunehmenden Wissens, was Corona an Spätfolgen bewirken kann, verändern und im besten Fall zu einem tieferen Verständnis führen, das einen toleranteren Umgang sowohl mit den krankheitsbedingten Fehlzeiten, wie auch den krankheitsimmanenten Nebenwirkungen ermöglichen könnte.
Aus Sicht der „Pädagogik bei Krankheit“ kann diese „neue Realität“ dazu führen, dass sich für erkrankte Lernende ihre Situation grundlegen verbessern könnte.
Der iwd (Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft) hat in einem Internetartikel vom 30.04.2020 unter dem Titel „Digitaler Nebeneffekt von Corona“ auf folgendes hingewiesen:
„… Für die Zeit nach der Corona-Pandemie könnte dies eine bessere Integration von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt bedeuten. Denn schon 2019, also vor Corona, gaben sich die Personalverantwortlichen in einer repräsentativen IW-Befragung (siehe: „Digitalisierung hilft der Inklusion“) optimistisch:
Fast ein Drittel der Unternehmen in Deutschland glaubt, dass die Digitalisierung die Jobchancen für Menschen mit Behinderung verbessert. …“
In diesem Sinne hoffen wir, dass sich auch für erkrankte Kinder und Jugendliche durch die neue umfängliche Digitalisierung der Schulen die Lage verbessern wird. Die Unterstützungsmaßnahmen, die in „Nachteilsausgleichen“ für erkrankte Lernende formuliert worden sind, häufig aber nur partiell umgesetzt wurden, könnten sich durch die neue schulische Realität so etablieren, dass sie nicht mehr explizit formuliert werden müssen, weil sie bereits zum gelebten Alltag in allen Schulen wurden.
Was in allen Stellungnahmen zu den neuen Lernformen aber immer deutlich wurde,
der persönliche Kontakt ist auf jeden Fall wichtig – ausschließlich digital lässt sich eine gute, auch erzieherisch förderliche Unterrichtssituation nicht herstellen. Die reale – analoge – Begegnung bleibt nach wie vor wichtig für den Lernerfolg und mehr noch für die Persönlichkeitsbildung.
Insgesamt wird sich wohl im Laufe der Zeit eine ausgewogene Form des flexibleren Unterrichtens etablieren können, von der nicht nur erkrankte Schülerinnen und Schüler, sondern auch das Lehrpersonal und die Eltern profitieren könnten.
Ein Zurück zu den Zeiten vor Corona wird in Schule nicht mehr möglich sein – und das ist auch gut so!
Mona Meister
Hamburger Institut für Pädagogik